Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr einen Song zufällig wo ertönen hört, der auf eurer meist gehörten Playlist vorhanden ist und wenn die letzten Gitarrenriffe verklungen sind, in eurem Kopf der darauffolgende Song zu spielen beginnt (und aber ganz ein anderer kommt)? Ich liebe dieses Gefühl, da ich meine gesamte Playlist mit einem unvergesslichen Sommer verbinde. Lasst mich ein wenig davon erzählen.
Ich habe seit sechseinhalb Jahren den gleichen alten Ipod, den ich selten aktualisiert habe in der Zeit - aber dann finde ich Songs von 2005, 2006, 2007 und höre wieder rein und alles ist da - die Emotionen von damals, die Traurigkeit, das aufregende jugendliche Leben, die Verwundbarkeit und das gleichzeitige Versuchen dieser Welt ein Loch in den Bauch zu schlagen. Zu diesen, damals ununterbrochen gespielten Liedern gehören auf alle Fälle Taking Back Sunday "cute with the e", Anberlin "Paperthin Hymn", The Killers "When we were young" und "Mr. Brightside", Brand New "Jesus Christ" und "The quiet things that no one ever knows", Bloc Party "Blue Light" und "I still remember", The Spill Canvas "The Tide", Amber Pacific "If i fall" und "Gone so young", The Used "All that I've got" und "The taste of ink" (höre ich gerade zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder, und ohhh, ohhh Gänsehaut und Erinnerungsflashs!) - um einige zu nennen.
Ich bin wieder 17, 18, 19, 20 Jahre alt - habe zu jedem dieser Songs eine so verwachsene Verbundenheit, oft mehr als es mir lieb ist. Ich saß vor ein paar Monaten im Zug und es ertönte Mr. Brightside als Klingelton fern von mir aus irgendeinem Handy. Vor mir verrauchte Lokale, tanzende Menschen, lachend und weinend zugleich. Eine Scharade des Lebens diese Jahre. In Wirklichkeit die vorbeirasende Dunkelheit mit blitzartigen Lichterflecken.
When we were young und das Nachlaufen des Zugs, als E. nach Paris auf Auslandssemester fuhr, das beste Konzert meines Lebens, mit schmerzendem Herzen bei Brand New - Gedanken über Gedanken und Gefühle, die längst verloren geglaubt zu scheinen, kommen durch diese Lieder wieder zum Vorschein.
Amber Pacific und Anberlin, Bands, die ich heute gar nicht mehr höre, die ich stundenlang über mich rieseln ließ, um Verluste überwinden zu können, die sich heute anfühlen, als wären sie vielleicht nie passiert, als hätte es die Person zwar gegeben, aber nicht in der Realität. Diese Traum und Wachseinsgrenze verschwimmt nach all' den Monaten so sehr, dass man sich eingestehen muss, dass man nicht mehr die Details weiß, keine lachenden Züge um den Mund erinnernd und nicht einmal sicher ist, wie die Stimme geklungen hat. Weg und vergessen. Lieder vergessen nicht. Sie wurden dafür geschrieben, um zu erinnern. Schmerzen zu überbrücken und wieder aufflammen zu lassen.

Diesen Sommer hatte ich eine neue Playlist. Der Sommer begann für mich schon im Mai vor Amsterdam. Die Playlist wurde nie geändert bis heute - fast Dezember und ich kann es so gar nicht realisieren, dass Winter ist. Wo der Herbst geblieben war und wie furchtbar schnell all' die Momente auf einmal weg waren. Aber es ist Winter und ich verreise am Wochenende ein letztes Mal für dieses Jahr, das mir so viele Möglichkeiten schenkte. Und diese Playlist wird mich ein letztes Mal begleiten. Genau so werde ich sie nämlich dann löschen, da ich in 5-6 Jahren genau diese Lieder erneut hören möchte und alles zum Vorschein kommen wird, hoffentlich.
Es sind Lieder aus ganz verschiedenen Genres mit sehr unterschiedlichen Stimmungen, aber sie begleiteten mich und meine Erlebnisse machen sie zu etwas besonderen. Vielleicht hört ihr dann zwei, drei Lieder an und könnt es gar nicht assoziieren oder ihr kennt schon etwas davon und für euch bedeutet es etwas so Unterschiedliches - das ist die Gabe der Musik.
In Amsterdam schlief ich zu dieser Playlist ein und wachte in Paris genau zur gleichen wieder auf. Das Flugzeug schob sich gen Berlin mit diesen Songs in den Ohren, in London werde ich mit genau den gleichen landen. Sie haben mich überall begleitet und waren sozusagen Anker und stürmische Seefahrt zugleich.
Ich klicke die Playlist an und höre Julia Stones Stimme sanft ertönen und das erste an was ich denke wird das Hostel in Prag sein, die Australier, die wir kennen lernten und jemand sich mit "Angus" vorstellte und ich "& Julia Stone?" antwortete und dann tatsächlich Konzertabenteuer, die die beiden erlebt hatten, als Antwort gegeben wurden.
& dann Awake my Soul. Das Konzert von Mumford and Sons Anfang Juli, als in einer kleinen Landschaftssenke im Burgenland, welche von Bäumen umschlossen war, zuvor die Welt unterging. Blitze, dass der Himmel krachte und Regengüsse, die donnernd über uns herabfielen. Awake my Soul. Klingend durch den nächtlichen Himmel und gleichzeitig das Gefühl, dass einem dabei nur das Herz zerspringen kann, was sonst? Wie überlebt man solche Konzerte? Wie kann Musik so sehr rühren? Aufwühlen? Einen mitflüstern, schreien, lachen, tanzen lassen?
Beirut eine meiner meistgehörten Bands die letzten Jahre. Die müßigen Tage zwischen den Nächten voller lauter Musik, Bass und fremden Menschen. Ruhe und das Klingen von ihren Instrumenten.
Lonely Drifter Karens Casablanca begleitete mich stark in Kroatien und Paris. Am Ufer entlang zu schlendern, das Meer zu den Tönen klatschend, die Möwen kreischend, die Luft vor Hitze stehend. Casablanca verbinde ich immer mit sengender Hitze, heißer Haut und den gelegentlichen Brisen dazwischen. Und auch "Miles Away" ist ein Kroatienlied. Ein Sehnsuchtslied. Wie oft ich hier auf Replay gedrückt habe weiß ich nicht mehr. Zu oft und nie genug.
The Honey Trees, wenn man der Familie beim Lachen zusieht, der erste Blick meiner Mama auf den Eiffelturm, der meines Bruders nach aus dem Flugzeug in den Sonnenaufgang, der meines Papas auf uns.
Eddie Vedder assoziiere ich mit allen Fahrten. Um fünf Uhr morgens nach Prag zwischen leicht verhangenden Feldern, im Bus nach Bosnien, bei dem man nicht wusste, wie man atmen soll ob der stickigen Luft, den Regen draußen nichts sehnlicher spüren wollte, die Wälder und Wiesen, die an einem vorbei zogen. Ab in die Wildnis. Society, I hope you're not lonely without me.
Die Jezabels durfte ich dieses Jahr auch live sehen. Was soll ich sagen? Müsste ich fünf Bands aufzählen, die ich ein Leben lang hören müsste, sie wären definitiv dabei.
Black Keys als Festivalband mit sprudelndem Radler in der Hand und merken, wie gut Musik live sein kann. Strahlende Freunde sehen, die Sonne im Gesicht.
Zu dieser 'schönen' Playlist kommen aber noch mehr Lieder hinzu, die wir oft hörten, weil sie eben Lieder des Jahres waren und sie genauso Erinnerungen in Jahren hervorrufen werden (Sonnenaufgänge tanzend in Kroatien erleben! Verschwitzte Nächte in Prag) an diesen einen Sommer, zB Gangnam Style, International Love, Where them girls at, Give me everything, Loca People, Paso, Swedish House Mafia Remixes, Good Feeling, ...
& all' die anderen. All die anderen, die ihr auf meiner Liste seht - ich danke diesen Musikern so viel und danke diesem Jahr so sehr. Allen Menschen, die mit mir diese Wege gegangen sind und im Stande waren, derart aufwühlen zu können. Nicht nur die Musik kann das gut, genauso sind Menschen dazu fähig und so finde ich es schade, dass viele von ihnen leider nicht so schnell abrufbar sind wie die Playlist, die sich noch auf meinem IPod befindet.