Meine Leidenschaft zu Büchern habe ich schon in diesem Eintrag offenbart, dass viele von euch ebenfalls so ticken und zusätzlich Buchvorstellungspostings erwünscht worden sind, dachte ich mir, dass eine neue Rubrik angebracht wäre:
Eine der angenehmsten Beschäftigungen im Herbst setzt sich für mich aus drei einfachen Komponenten zusammen: Bücher, Bett/Couch und Chai Latte. Eingewickelt in flauschige Decken und Kissenbergen mit Papierseiten in der Hand und dem cremigen Zimtgeschmack von Chai Latte auf den Lippen lässt es sich einfach am besten leben - wie man sieht!
Den Joker von Markus Zusak (Original: I am the messenger) habe ich eigentlich für die Zugreisen im Sommer bestellt, gelesen wurde er nicht. So verbrachte er den ganzen August auf meinem Nachtkästchen, bis ich eines Nachts im September die erste Seite aufschlug und es nicht so schnell mehr aus der Hand legen konnte.
Ich möchte nicht großartig auf den "normalen" Inhalt eingehen, da man diesen überall nachlesen kann, sondern mich eher darauf stützen, was das Buch in mir wachgerüttelt oder bewegt hat. Beziehungsweise ob es überhaupt im Stande war, das zu tun.
Deshalb nur kurz am Rande: Im Joker (der Originaltitel ist für den Inhalt jedoch bezeichnender - der deutsche Titel ist eher die Quintessenz des ganzen Romans, auf die Zusak hinarbeitet) fungiert der junge Taxifahrer Ed Kennedy als Hauptperson, die von jemand Namenlosen nacheinander Spielkarten zugeschickt bekommt. Diese Spielkarten - um genau zu sein Asse - stellen eine Reihe von (sehr offenen und unkonkreten) Aufgaben dar, die Ed bewältigen muss. Er weiß nicht wieso, er weiß nicht warum er und er weiß auch nicht, zu was das führen soll. Doch - er macht es. Vielleicht auch deshalb, da er dezitiert als Loser seiner Altersgeneration gilt, nicht viel zu bieten hat und ein Paradebeispiel für Durchschnittlichkeit darstellt.
Was für mich schon zu Beginn deutlich wurde, ist der auffallend leichte Schreibstil von Zusak. Flüssig tröpfelt der gesamte Text auf einen nieder und scheint an gewissen Stellen nicht mehr als seichte Wortsuppen mit sich zu bringen. Das soll nun gar nicht negativ klingen, denn in diesen Süppchen tummelt sich oft einiges, welches mein Prosaherz erquicken ließ und der Bleistift erneut eine blassgraue Linie quer durch die Zeilen zog. Das Werk gestaltet sich wie ein Sommerregen, der oft die drückend schwere Luft wäscht und nur Leichtigkeit am Ende übrig lässt, aber auch in einer solchen Intensität passieren kann, die die Wassermengen nur so auf einen niederprasseln lässt. In kurzer Zeit so viel Liter wie möglich. In kurzer Zeit so viel Emotionen wie möglich.
Teilweise jongliert Zusak spielerisch mit den Satzeinheiten, unterbricht sie und nimmt sie Stück für Stück auseinander. Das tat dem Lesefluss keinen Abbruch, im Gegenteil - Zusak bringt somit seinen eigenen Rhyhtmus in den Roman.
Doch nicht nur Zusak handhabt als Autor die Gedanken des Lesers, denn Ed Kennedy als Romanfigur selbst, nimmt mit dem Leser Kontakt auf, in dem er einen direkt anspricht und teilweise vor eigene Gewissens- und Glaubenskonflikte stellt. Das waren die Momente, in denen ich oft das Buch bei Seite legte, nicht, da ich nicht weiterlesen wollte, sondern viel mehr, um ein wenig über das Gesagte zu reflektieren. Es wirken zu lassen. Die Seiten einfach offen liegen zu haben und das Geschriebene gedanklich einzuatmen.
Im Roman darf man in so viele Menschenleben einen Einblick haben, sodass einen die Intimität, die man sowohl mit Ed als auch mit seinen Mitmenschen teilt, nicht los lässt und man - genauso wie er - eine etwas voyeuristische Rolle einnimmt. Eds Aufgaben bestehen meist darin, anderen Menschen, die er teilweise noch nie zuvor gesehen hat, eine Bereicherung zu schenken. Ich möchte nicht zu viel vorwegnehmen, aber die Geschichte mit Milla gehört zu meinen liebsten.
Eds Haltung gegenüber sich selbst aber auch gegenüber der Welt scheint sich Karte für Karte zu ändern. Er hat es im Prinzip selbst in der Hand, wie weit er gehen möchte und was er tun muss, um zur nächsten Aufgabe zu gelangen. Der Leser wird in diese Fragen immer wieder miteinbezogen, teilweise sogar wörtlich attackiert, indem er verpöhnt wird, nur das Buch zu lesen und das Leben dort drinnen nicht selbst zu führen.
Ed, der Taxifahrer, der einfach gestrickt zu sein scheint, jedoch so Gefühl und Herz in sich trägt, wird in den knapp 450 Seiten zu einem Menschen, den man einfach gerne kennen würde. Das ist für mich das Traurige daran. Denn: Hätte Ed diese Wandlung auch vollzogen ohne der Karten? Und was genau hat ihn veranlasst sich überhaupt Gedanken über das Leben zu machen? Wie viele Menschen laufen in unserer Welt durch die Gegend und bräuchten nur einen kleinen Anstoß, um sich entfalten zu können?
Die Fragen häufen sich im Roman ebenfalls zunehmend. Man möchte endlich wissen, wer Ed die Karten schickt, ob es ein Ziel gibt oder ob jemand einfach nur perfide Späße mit ihm treibt und ihn wie eine Puppe an den Schnüren durchs Leben schleift.
Ed weiß die Antwort nun. Die Antwort auf all' seine Fragen und auch auf die, die er nie beantwortet bekommen wird. Ich weiß meine Antworten ebenfalls. Zumindest skizzenhaft. Denn im Endeffekt ist das ganze Buch eine Botschaft, die Zusak der Welt überbringen möchte. Oder Ed sich selbst. Oder auch Ed einem als Leser.
Ed stand als Mensch an einem Punkt, der zwei Wege offen hatte - den gleichen weiterzugehen, oder eine unbeschilderte Abzweigung zu nehmen. Man steht so oft an Stellen an, an denen man sich nur fragt: Wozu und wie geht es weiter? Was mache ich hier?
Und diese Frage kann man nur sich selbst beantworten. Womöglicherweise gibt es auch gar keine Antwort darauf, vielleicht hat sie auch der Joker parat?
Was ich besonders zu schätzen weiß ist, dass die Worte des Buches noch Tage nachher Platz zum Überlegen finden, sie klingen noch immer in mir selbst nach und veranlassen auch ein wenig umzudenken - ich schloss für meinen Teil damals die letzte Seite des Buches, aber nicht die der Geschichte. Diese ganze "Rezension" ist nur ein magerer Versuch dessen, meine Gedanken darüber ein wenig festzuhalten, was sich auch als schwierig gestaltet, da man einfach nicht zu viel verraten darf.
Ich habe mich, wie so oft schon, nach dem 'Ende' ein wenig verlassen gefühlt. Ich sehnte mich sofort nach Ed Kennedy und all' seinen Geschichten, Begegnungen und Menschen. Ed, der 'durchschnittliche' Taxifahrer, der so viele Leben veränderte und neuen Antrieb verschuf, den anderen und sich selbst - aber auch mir als Leserin. Es wurde für mich immer bewusster, dass auch ich selbst ein Teil der Geschichte war, eine Aufgabe, die Ed zu lösen wusste, denn die Traurigkeit, die nach dem Beenden in mir wie ein dicker Klumpen voller nasser Wortfetzen lag, wusste ein wenig vermindert zu werden, denn -
'Weiterleben... Es sind nur die Seiten, die hier aufhören.'
Ich würde mich freuen auch von euch Feedback und Anregungsmaterial zu bekommen, darunter versteh' ich zum Beispiel eure Meinung zu dem Buch. Habt ihr es schon gelesen? Davon gehört? Wenn nicht, werdet ihr euch nun auf ihn stürzen? Wenn ja - geliebt? Gehasst? Was waren eure Gedanken, Gefühle? Bin auf eure Jokergeschichten gespannt!
(Pssst: Die Bücherdiebin ist schon bestellt!)